Aus der Sicht einer sehenden Studentin
Spannend. Ein Dinner im Dunkeln. Wie kompliziert wird das wohl sein? Wahrscheinlich werde ich viel kleckern - und mein Weinglas umkippen?
Zunächst treffen wir - noch im Hellen - die anderen Teilnehmer des "Experimentes" und unsere blinden Begleiter. Jede Gruppe besteht aus vier Tischpartnern und einer Begleitperson. Eingehakt und im Gänsemarsch werden wir ins Dunkel geführt an den für uns vorgesehenen Tisch für das 3-Gänge-Menü. Die Schritte durch die Lichtschleuse werden immer schwieriger, alle gewohnte Sicherheit ist wie verflogen. Schon beim Aufsuchen meines Sitzplatzes spüre ich die völlige Abhängigkeit von unserer blinden Begleiterin. Verkehrte Welt?
Einmal am Tisch angelangt wird uns erzählt, wo alles zu finden ist. Die Getränke müssen wir uns selbst einschenken! Auf einmal ist man abhängig von den Anweisungen einer anderen Person. Wo steht die Wasserflasche noch? Rechts auf dem Tisch? In der Mitte? Aus Angst etwas umzuwerfen, werden meine Bewegungen immer langsamer, vorsichtiger. Ich konzentriere mich nun auf meine anderen Sinneswahrnehmungen: Hören, Fühlen, Riechen.
Im Dunkeln kann man nicht abgelenkt werden durch das Sehen. Ich orientiere mich automatisch am Gehörten. Alle Geräusche erscheinen viel intensiver und ich höre Dinge, die ich normalerweise nie wahrgenommen hätte.
Dann kommt die Vorspeise. Unsere Begleiterin erklärt uns, wie man sich seinen Teller aufteilen kann. Man kann ihn sich vorstellen wie eine Uhr, wobei das Brot dann zum Beispiel auf zwölf Uhr liegt. Die Champignons finden sich auf vier Uhr, die Aubergine auf sieben. Und dann los! Erst mal was auf die Gabel kriegen. Gar nicht so einfach, die Finger müssen nachhelfen. Anhand von Geruch und Geschmack versuche ich zu erkennen, welche Köstlichkeit ich da gerade verzehre. Meine Geschmackswahrnehmung wird intensiver, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Jeder neue Biss ist eine Überraschung. Es wird viel diskutiert über die beste Taktik zur Nahrungsaufnahme und es wird spekuliert über die Zutaten. Unsere Begleiterin fragt nach unseren Erfahrungen und gibt uns nützliche Tipps. Die helfen uns bei der Annäherung an das Hauptgericht.
O.k., was liegt jetzt auf zwölf Uhr? Trotz aller Erfahrungszuwächse beiße ich immer wieder auf eine leere Gabel, aber spätestens beim Nachtisch fühle ich mich schon fast wie ein Profi.
Am Ende war ich überrascht, dass ich fast nicht gekleckert habe! Auch die anderen Tische sehen ziemlich sauber aus. Nur ein Rotweinglas war "undicht".
Beeindruckt bin ich von der Intensität der Wahrnehmungen meiner anderen Sinne. Ein kleiner Einblick in die Welt der Blinden.
Ein Bericht von Manon Strijk
Studentin aus Leeuwarden, Niederlande
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